Es war am Anfang nur der eine Wunsch, der uns zusammenbrachte: gemeinsam Musik zu machen. Ein Teil eines Ganzen zu sein- das war etwas. Sich mit den Fähigkeiten einbringen, die man am besten beherrschte, beziehungsweise auch mit denen, die man im Verlaufe erst erlernte.

Wir waren in der 6. Klasse- ein Alter in dem alles ein wenig drunter und drüber geht. Dennoch haben wir es geschafft, uns regelmäßig nach dem Unterricht im Mehrzweckraum zu treffen um ein bisschen Musik zu machen. Wir waren nicht viele, eine Zahl um die vier Personen. Ich war schon immer der einzige Junge gewesen und das sollte auch weiterhin so bleiben. Zum Anfang lernten wir am meisten: das Zusammenspielen, das gegenseitige Zuhören, das aufeinander Achtgeben, das selbstständige Erarbeiten von unbekannten Liedern. Die Motivation entstand für jeden einzelnen dadurch, dass man gemeinsam weiterkommen wollte. Ich erinnere mich noch gut daran, was für einen Spaß die Proben gemacht haben. Man spielte sein Instrument nicht mehr allein im stillen Kämmerchen, sondern konnte untereinander den Fortschritt beobachten, den ein jeder von Probe zu Probe gemacht hatte. Wir brauchten am Anfang keinen Lehrer, keinen Anleiter, der uns hätte zeigen wollen, wie alles geht. Denn jeder von uns war voll und ganz bei der Sache. Der Wille, einmal etwas selbst auf die Beine zu stellen und unabhängig von Erwachsenen zu sein, war unserer Ansporn.

Wenn man viel Zeit und Ehrgeiz in eine Sache steckt, dann möchte man sein Können früher oder später auch gern einmal unter Beweis stellen. Für den Tag der offenen Tür hatten wir alles vorbereitet: unsere Lieder ausführlich geprobt, die Instrumente aus dem Mehrzweckraum in die unterste Etage geschleppt und uns sogar einen Bandnamen überlegt. Der Bandname entsprang aus der mehr oder minder sinnvollen Zusammensetzung unserer Initialen, den wir vor dem Auftritt noch fleißig auf unsere selbsterstellten Visitenkarten gedruckt hatten. Klar, die Aufregung blieb nicht aus, ebenso auch nicht der Spaß, den wir beim Musizieren hatten und der Zuspruch, den wir hinterher bekamen. Was ist es für den jungen Schüler für eine Motivation und Freude, wenn Menschen, seien es Lehrer, Eltern oder andere Schüler, sagen, dass es ihnen gefallen hat. Wenn man sich sehr für etwas einsetzt, viel Arbeit und Herz in eine Sache steckt, dann fällt Lob auf einen fruchtbaren Nährboden. Genau das ist der Teil, der dem Schüler, und ich denke auch jedem Lehrer, neue Antriebskraft gibt: Zuspruch für eine Sache bekommen, die einem allzu sehr am Herzen liegt.

Weitere Auftritte ließen nicht lang auf sich warten. Vor allem durch unseren ersten Auftritt beim jährlichen Weihnachtskonzert, kam die Sache richtig ins Rollen. Vor uns hatte die bereits bestehende Schülerband gespielt. Victoria und ich waren nur zu zweit, hatten aber zwei Instrumente und Gesang zu besetzen. Ich saß natürlich am Schlagzeug, doch Victoria hatte sich selbst das Bass-Spielen beigebracht und sang gleichzeitig noch ins Mikrofon. Wir hatten uns vorher keinen großen Kopf gemacht, ob das alles klappen würde- wir taten es einfach, weil wir Spaß daran hatten. Es braucht keine Perfektion um Dinge ins Rollen zu bringen, es braucht einen entschlossenen Anfang. Ich wusste damals noch gar nicht wie sehr die erste Zeile unseres damaligen Liedes „Rolling in the the deep“ (Adele) Recht behalten sollte: „There's a fire starting in my heart“ (zu Deutsch: Da ist ein Feuer, das in meinem Herzen zu brennen beginnt). Von der Energie dieses Feuers zehre ich auch heute noch.

Das Feuer wurde größer, angefacht von weiteren Menschen, bei denen dieses Feuer schon länger brannte. Durch die Aufnahme in die Schulband bekamen wir ab sofort Unterstützung von Herzblutmusikern aus der städtischen Musikschule. Da sich die Personenanzahl nun deutlich vergrößert hatte, war dies auch notwendig geworden. Unter der Leitung von Henrik Lehmann bekamen wir neue Tipps, und verstanden schnell, dass die langjährige musikalische Erfahrung ein großer Schatz für uns sein kann. Herr Lehmann ist einer von denjenigen, der sehr gerne Lob ausspricht und sich sehr für seine Schüler einsetzt. Deshalb blieben wir motiviert und es folgten in der nächsten Zeit einige Auftritte. Wir spielten zu Kunstausstellungen, Frühlingskonzerten, Talentshows, Konzerten im Rahmen der Musikschule, Konzerten im Jazzclub, zu Kinderfesten, Tag der offenen Türen, Konzerten im TIETZ, Villenkonzerten und vielen weiteren. Es war schön, immer wieder neue Leute kennenzulernen, die auch für die gleiche Sache brannten.

Einen weiteren Höhepunkt stellte der erste Auftritt in der Chemnitzer Stadthalle dar. Zum Abiball hatten wir die Ehre, einmal vor großem Publikum in einem, uns riesig scheinenden, Saal zu spielen. Die Minuten bevor wir auf die große Bühne kamen, sind mir bis heute noch sehr deutlich in Erinnerung.

In den darauffolgenden Jahren veränderte sich die Bandstruktur allmählich. Die älteren Schüler verabschiedeten sich mit dem Abitur aus der Band und junge Schüler kamen nach. Die heutige Besetzung stellte sich langsam ein. Aus der damaligen 6. Klasse kamen Anna und Hannah als junge Hüpfer dazu und wir waren diesmal die „Älteren“. Mit ihnen bekamen wir frischen Wind und auch eine ganz talentierte Sängerin in unsere Reihen, bei deren Stimme ich auch heute noch Gänsehaut bekomme. Nachdem wir vier uns gefunden hatten, schritt die musikalische Entwicklung weiter voran. Die Proben wurden mit Spaß und Lockerheit genutzt, um eine Menge neuer Songs einzustudieren. Auftritte zur Fête de la Musique und zum Chemnitzer Stadtfest waren immer wieder schöne Gelegenheiten um Menschen an unserer Musik teilhaben zu lassen. Denn Musik hat über alle Generationen, Hautfarben, Nationalitäten und Gesinnungen hinaus eine Kraft, die Menschen zusammenbringen und bewegen kann.

Ich schreibe unter anderem aus dem Anlass, einmal gegenwärtig zu informieren, was unser letztes Bandprojekt war. Im Oktober wurde uns angeboten gemeinsam mit dem Sächsischen Sinfonieorchester in der Stadthalle zu spielen. Wir hatten schon einige Höhepunkte erlebt, aber mit solch einem großen Orchester zusammen zu spielen war etwas ganz Besonderes. Wir fühlten uns sehr geehrt, im letzten Jahr noch einmal so etwas erleben zu dürfen. Als Schulband ist das sicher nicht selbstverständlich. Es hat uns viel Freude bereitet, auch wenn unsere Sängerin Hannah nicht dabei sein konnte. So griffen wir auf eine alte Bandbesetzung mit Maggy zurück und fühlten uns fast wie in eine frühere Zeit zurückversetzt.

Ich schreibe diese Zeilen gern, denn zum einen möchte ich für die jüngeren Schüler festhalten, was so eine tolle Möglichkeit bedeuten kann. Zum anderen, weil ich von einem Menschen darum gebeten worden bin, der uns als Band sicher seit Anfang an aufmerksam verfolgt hat. Ich weiß nicht immer ganz genau, wie viele Schüler und Lehrer von der Schülerband und deren Entwicklung wissen, weil man nicht viel davon hört. Manchmal fühlt es sich an, immer nur im Hintergrund tätig zu sein, nur hin und wieder einmal gebraucht zu werden. Doch wenn nur ein Mensch auf mich zukommt, bei dem ich tief im Inneren merke, dass er sich über unsere Tätigkeit freut, dann geht das meinem Herzen sehr nahe und alle anderen Bedenken und Zweifel scheinen ausgeräumt zu sein. In all den Jahren, war das nicht der einzig liebevolle Mensch, der mich zu diesem Artikel bewegt hat. Es gab einige mehr, die sich immer wieder erkundigt hatten und zum ein oder anderen Auftritt im Publikum saßen.

Es macht stark und es ist überaus förderlich Lob und Zuspruch für Dinge zu bekommen, bei denen man sich viel Mühe gegeben hat. Es kann uns im Kleinen in der Band oder in den Klassen aufbauen, es kann uns aber auch im Großen in der Gesellschaft aufbauen, wenn man sich gegenseitig wertschätzt, sich für den Mitmenschen interessiert, ihn mit kleinen Momenten der Aufmerksamkeit stärkt. Ich denke gerade in unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation ist es wichtig, diese Dinge schon im Kleinen, in unserem schulischen Alltag umzusetzen. Es kann eine Gemeinschaft erwachsen, zu der jeder etwas beizutragen hat und in welcher sich Menschen untereinander motivieren. Es kann eine Atmosphäre entstehen, die das tägliche Lernen angenehmer und prägender macht.

Ich wünsche mir in kommender Zeit, dass wir als Schule zusammenwachsen- Lehrer und Schüler. Und ich wünsche der Band, die nach uns kommt, dass auch bei ihnen im Herzen ein Feuer entfacht wird. Ich wünsche den restlichen Schülern, welche sicher nicht alle der Musik erlegen sein werden, dass sie ähnliche Projekte für sich entdecken und mit ihrer Schule verwurzelt werden. Ich wünsche unserer Gesellschaft, dass wir wieder einander schätzen lernen, statt uns gegenseitig zu diffamieren.

Ich besuche das Karl- Schmidt- Rottluff- Gymnasium nun schon seit fast acht Jahren und ich werde mir langsam bewusst, dass die die Tage an dieser Schule gezählt sind. Ich habe zu schätzen gelernt, was Bildung wert ist und was mir meine Schule, meine Mitschüler und meine Lehrer und Projekte wie die Band bedeuten. Ich bin meiner Schule überaus dankbar, dass wir diese Möglichkeit bekommen haben. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb unsere Band nie einen Namen gefunden hat und wir immer mit dem Namen „KaSchmiR- Band“ aufgetreten sind. Vielleicht ist eben genau diese Schule unser Bandname, Teil unserer Identität, denn wir sind mit dem KaSchmiR verbunden und es fällt schwer, aus dieser Bindung heraus gelöst zu werden. Ich werde es vermissen.


Autor: Anton Schramm (Abitur 2018)