„Hallo, hattest du eine gute Fahrt?“,mit diesen doch sehr deutschen Worten begrüßte mich meine Schweizer Austauschschülerin Estelle. Ich nickte, peinliche Stille, verhaltenes Lächeln. Keiner weiß so richtig was er sagen sollte, beziehungsweise in welcher Sprache.

7 Wochen war Estelle bei mir, 7 Wochen haben wir ausschließlich Deutsch gesprochen. Ein französischer Sitznachbar im Zug und das Passieren der Grenze hatten offensichtlich nicht gereicht, um mein Gehirn auf die französische Sprache umzupolen.
Und so antwortete ich auf die Frage, ob man mir mein Zimmer zeigen sollte mit einem ergebenen „Klar gerne“.
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Blick auf den Genfer See

Man gab mir nicht viel Zeit mich einzugewöhnen. Schon im Vorfeld wurde ich informiert, dass Estelle beste Freundin Caterina ihren Geburtstag feiert und wir da unbedingt hin müssen. Verbunden war diese Ansage mit der Warnung, dass ihre Freundinnen gerne viel, schnell und laut redeten und selbst Estelle nicht immer alles verstehe. Na dann, auf in den Kampf.
Eine halbe Stunde später fand ich mich in dem mädchenhaft kitschig eingerichteten Kinderzimmer von Caterina wieder.
Ein Haufen Teddybären starrten mich stumm und beinahe schon mitleidsvoll aus ihren glasig stumpfen Augen an, wahrscheinlich ahnten sie schon was kommt. Ich noch nicht.
Ganz unbedarft stand ich in Mitten von 20 Mädchen, die mich allesamt mit neugierigen Blicken musterten. Noch schweigend, bis eine zierliche Spanierin den unsichtbaren Bann durchbrach und die erste Frage stellte. „Tu viens d´où?“. Und dann ging es los. Von allen Seiten prasselten Fragen über Fragen auf mich ein. Viel zu schnell, viel zu laut, viel zu französisch.
Die Erlösung kam in Form von Estelle und einer großen Schüssel Eierkuchenteig. „On fait des crêpes maintenant!“ Crêpes klingt gut, nicht nur weil ich langsam der Unterzuckung nahe war, sondern auch weil es sich mit vollem Mund ja bekanntlich nicht gut spricht.
Von den sprachlichen Eindrücken des ersten Abends hätte ich wahrscheinlich noch den Rest meines Aufenthaltes zehren können, aber man hatte anscheinend beschlossen, mir keine Schonfrist zu geben. Wer feiern kann, kann auch arbeiten, bzw. in meinem Fall in die Schule, gehen.
Die Aussicht auf 6 Wochen volle Ladung schweizerische Bildung wurde mir durch 2 Erkenntnisse verschönert. Erstens: statt 35 Wochenstunden habe ich nur 30 und zweitens: diese 5 Stunden Differenz zeigen sich darin, dass morgens erst 8:15 statt 7:30 begonnen wird. Fast wie Urlaub…
Auch in der Schule war ich weit entfernt von Stress. Die Lehrer nahmen kaum Notiz von mir und so konnte ich meist hinten in der letzten Reihe mein stummes, deutsches Dasein fristen.
Während um mich rum hektisch die Vorbereitungen auf verschiedenste Test und auf die gefürchteten Semestriels liefen (das sind große Arbeiten, die am Ende 50% der Note ausmachen), konnte ich mich praktisch zurücklehnen und mich darauf konzentrieren, die Sprache zu verstehen und nebenbei den einen oder anderen von Estelles Deutschaufsätze zu korrigieren.
Nur im französischen Französischunterricht musste ich dann doch besonders genau hinhören. Das Französisch des Monsieurs Koinshi kam mir in etwa so chinesisch vor wie sein Name. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass neunzig Prozent seines Gesagten Zitate aus alt-französischen Büchern waren.

Das Stadtzentrum von Genf


Und auch zu Hause war das mit der Kommunikation nicht ganz so eindeutig. Beliebte bilinguale Mischungen waren Sätze wie: „That´s n´importe quoi“ oder auch „Tu vas do the dishes“. Das ging soweit, dass ich nach einer Zeit nicht nur angefangen habe, englisch/französisch zu sprechen, sondern auch zu denken und noch so einige verdutzte deutsche Passanten um „Pardon“ gebeten habe.
Ob nach 6 Wochen Schüleraustausch mehr Sprachliches hängen geblieben ist, als ein flüchtiges Pardon, wird mir meine französisch Klassenarbeit zeigen, aber, dass es eine schöne Zeit voller guter, bleibender Erinnerungen war, kann ich jetzt schon sagen.

 
von Lilly Mehlhorn