Zehn Tage Film, zehn Tage Kanada

Recht überraschend kam die Anfrage, ob ich gewillt wäre, für einige Tage nach Kanada zum 30. Filmfestival in Rimouski zu fliegen und als Mitglied der internationalen Filmjury mitzuwirken. Mit dem Gedanken „Was soll schon schiefgehen?“ und dem Erwarten einer einmaligen Erfahrung sagten wir zu. Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass ich diese Entscheidung alles andere als bereue, ich bin unendlich froh darüber, dort gewesen zu sein.

Am 21.9.2012 ging mein Flieger von Dresden über Frankfurt nach Montreal. Ich ging diese Reise mit riesigem Respekt an, da ich noch nie außerhalb von Europa unterwegs gewesen bin, und wegen der Sprache, da ich in den frankophonen Teil Kanadas geflogen bin und erst seit drei Jahren in der Schule Französisch lerne. Aber alles verlief reibungslos und nach einer zwanzigstündigen Reise war ich in Rimouski, einer etwas kleineren Stadt gelegen an der Ostküste Kanadas nahe Quebec, angekommen. Vom Busbahnhof holte mich die Mutter meiner Gastfamilie ab, für mich eine sehr aufregende erste Begegnung, da ich auch mit Gastfamilien in der Vergangenheit noch nichts zu tun gehabt habe. Doch die vierköpfige Familie mit zwei kleineren Kindern nahm mich sehr angenehm auf und unterstütze mich die ganze Woche hervorragend.

Doch der eigentliche Grund für diese Reise war das 30. Filmfestival des Carrousel International du Film de Rimouski mit einer internationalen Filmjury, zu welcher ich als einziges Mitglied aus Deutschland gehörte. Neben mir waren noch zwanzig andere junge Menschen aus der ganzen Welt (Argentinien, Australien, Belgien, den USA etc.) anwesend, mit denen ich mir eine ganze Woche die verschiedensten Filme ansah, welche wir anschließend in einer sogenannten „délibération“ tiefstgründig besprachen und bewerteten.

 

  

Die Aufgabe der internationalen Jury war es, drei Preise zu vergeben - einen für den besten Spielfilm, einen für den besten Kurzfilm und einen für den besten animierten Kurzfilm. Unter uns herrschte ein wirklich tolles Klima, wir tauschten uns aus über unsere Heimat, unsere Schulsysteme, Feiertage, Bräuche und und und. Die Verständigung lief dort viel auf Englisch ab, die Diskussionen über die Filme und allgemein das Festival aber auf Französisch. Nach ein, zwei Tagen Eingewöhnung kam ich mit der Kommunikation sehr gut zurecht. Wir lachten sehr viel zusammen und jeden Tag wurde es besser und vor allem schöner, dort zu sein.

 

Freie Nachmittage und Abende ohne die „Arbeit“ mit den Filmen verbrachten wir zusammen. Wir waren zu Besuch beim Bürgermeister der Stadt, haben uns ein kanadisches Eishockeyspiel angeschaut und wanderten zwei Stunden durch den schönsten Nationalpark, den ich je gesehen habe.

  

Am letzten Tag vor der Abreise fand die große Gala statt, bei der unter anderem die Gewinner bekannt gegeben wurden. In der Hauptkategorie gewann sogar ein deutscher Film mit dem Titel „Le grande rêve“ („Der ganz große Traum“).

Am Tag der Abreise flossen die Tränen - so gut haben wir uns alle verstanden. Für so eine schöne Woche hatte ich mich bei vielen Leuten zu bedanken - der gesamten Organisation, unseren Betreuern, meiner Gastfamilie und vielen weiteren, die mir dieses Erlebnis ermöglicht haben.

Wiedergekommen bin ich mit jeder Menge neuer Eindrücke, mit neuen Sprachkenntnissen in Englisch und Französisch, mit Inspiration und Begeisterung, mit einer Erfahrung, die mir keiner nehmen kann, mit tollen Fotos, mit geknüpften Freundschaften in der ganzen Welt und mit einer kanadischen Flagge, die mir in Rimouski geschenkt wurde und mit deren Hilfe ich mich immer an diese wunderschönen Tage in Kanada erinnern werde!

(von: Anna Hopfe)
Quelle: Penetrant März 2013